Barbara Hirsch

geb. Wentz

geb. 06. Oktober 1919 in Gramatneusiedl/Marienthal (Niederösterreich),
gest. 15. Januar 1996

Januar 1945 – 28. April 1945 in Ravensbrück

ICH HABE FÜR MICH GEKÄMPFT. NICHT FÜR MEINE FAMILIE ODER SONST JEMANDEN. ICH WOLLTE MIT DIESEM REGIME NICHT LEBEN!“

Meine Mutter war im Widerstandskampf innerhalb des Kommunistischen Jugendverbandes. Sie wurde im Jahre 1940, nachdem man ihre Gruppe verraten hatte, verhaftet und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Anschließend wurde sie in Schutzhaft genommen. Schutzhaft bedeutete zu dieser Zeit, in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Sie wurde in das KZ Auschwitz deportiert — mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht!“! Dann wurde sie für einige Zeit in das Vernichtungslager Birkenau verlegt. Bis Jänner 45 wurde sie dort verwahrt. Danach wurde sie auf ihren ersten Todesmarsch geschickt, Ravensbrück war das Ziel. Dort musste sie einige Zeit im Lager Uckermark zubringen. Auf ihrem zweiten Todesmarsch, im April 45, konnte sie mit vier anderen Kameradinnen in den Wald flüchten. Von dort ging es dann die allermeiste Zeit zu Fuß Richtung Wien. Kurze Strecken konnten sie mit Zug oder Pferdekarren zurücklegen.

Sie bedauerte den Weg, den sie eingeschlagen hatte, nie. Ihr war immer bewusst, wenn sie im Widerstand tätig ist und dabei erwischt wird, welche Folgen daraus entstehen. Wenn die Sprache auf ihre Verhaftung kam, wurde diese humorvoll dargebracht: „Die Gestapo kam um sieben Uhr früh. Es waren außer mir meine Mutter, meine zwei Schwestern und meine Großmutter anwesend. Die Männer durchsuchten unser Haus, wurden aber von meiner dementen Großmutter in ihrer Unterwäsche aufgehalten. Sie machte gerade ihre Morgentoilette und fand es furchtbar anmaßend, dass Vertreter des männlichen Geschlechts sie dabei derart wüst unterbrachen, und machte ihnen das Leben dementsprechend schwer. Meine mittlere Schwester konnte währenddessen im dahinterliegenden Klo sämtliche Flugblätter zerreißen und sie entsorgen.“

Meiner Mutter war es stets ein großes Anliegen, den nachfolgenden Generationen zu vermitteln, wodurch solche Gräueltaten möglich gemacht wurden: Hass, Angst und unsolidarisches Verhalten. Kein Fußbreit dem Faschismus bedeutet unter anderem, sich für den Frieden einzusetzen und für ihn zu kämpfen.

Darüber sprachen wir in diesem Sinne nie. Wenn ich sie allerdings an dieser Stelle interpretieren darf, so würde ich sagen, dass Ravensbrück für sie der Ort der Erinnerung, aber vor allem auch des Mahnens an zukünftige Generationen war, obwohl sie hier nur einen Bruchteil ihrer gesamten Internierung erlebt hat.

 

Vera Modjawer
Österreich
Tochter von Barbara Hirsch